Philospophie

Die Philosophie, die Elisabeth’s tänzerischem Schaffen zugrunde liegt ist sehr tief von den Schriften des französischen Philosophen Jean-Luc Nancy beeinflusst. Sie ist eine Bewunderin seiner tiefen Wahrnehmung für Tanz und Bewegung und des Weiteren seine Fähigkeit diese in Worten zu kommunizieren.

Hier ein Ausschnitt aus Jean-Luc Nancy’s Alliterationen aus ‘Ausdehnung der Seele’:

‘Ein anderer – wenn er ein anderer ist, ist ein anderer Körper. Ich hole ihn nicht ein, er bleibt auf Distanz. Ich beobachte ihn nicht, er ist kein Objekt. Ich ahme ihn nicht nach, er ist kein Bild. Der andere Körper spielt sich in meinem noch einmal. Er durchquert ihn, macht ihn beweglich oder stachelt ihn an. Er leiht oder schenkt ihm seinen Schritt.

 

Mehr als einmal hat man im Blick auf einen Tänzer oder eine Tänzerin v­eranschaulicht, was man einst Empathie oder Intropathie nannte: die Reproduktion des anderen in sich – der Widerhall, die Resonanz des anderen.

 

Der andere da drüben, nah in seiner Entfernung, gespannt, eingefaltet, entfaltet, verbogen, hallt in meinen Gelenken wider. Ich nehme ihn eigentlich weder mit den Augen noch mit dem Gehör noch durch Berührung wahr. Ich nehme nicht wahr, ich halle wider. Hier bin ich, gekrümmt von seiner Krümmung, geneigt nach seinem Winkel, angestoßen von seinem Schwung. Sein Tanz hat an meinem Platz begonnen. Er oder sie hat mich deplatziert, mich beinahe ersetzt.

 

Die meisten Tätigkeiten, die man gemeinhin unter die Kategorie der Kunst oder der Künste fasst, scheinen uns zunächst einmal B­otschaften zu überbringen: Bilder, Rhythmen oder Schemen, Klänge, Volumen, körnige Strukturen, manchmal auch Wörter, oder Geschmacks­eindrücke und Düfte. Sie lassen sich sinnlich wahrnehmen, und wir haben dafür Sinne, und zwar jeweils geeignete Sinne.

 

Der Tanz jedoch scheint zu beginnen, bevor er überhaupt sinnlich wahrnehmbar ist, oder vielmehr, bevor wir mit sensiblen Organen ausgestattet sind. Er scheint vor der Sinneswahrnehmung zu beginnen, vor jedem Sinn überhaupt, in welchem Sinn des Wortes »Sinn« auch immer.

 

Er beginnt unmerklich, und es keimt der Verdacht, dass es wohl unmöglich bleibt, zu entscheiden, wo und wann der Tanz eigentlich begonnen hat.

 

Was vom anderen in meinen Gelenken widerklingt, was ohne mein Wissen vom anderen herüberkommt und meine Sehnen spannt, was meinen Knochen, meinem Bauch, meinem Kehlkopf Spiel verleiht und bis in die Nähte meines Schädels vordringt – wo hat das wohl seinen Anfang genommen, wo hat es sich zu falten und zu spielen begonnen, beim anderen, bei ihm, bei ihr dort drüben?

 

Zwangsläufig bei noch einem anderen, einem noch ganz anderen in ihm, einer ganz anderen tief in ihr selbst. Ganz anders, und aus diesem Grunde umso weniger als Botschaft empfangen. Sondern vielmehr überrascht im plötzlichen Ergriffensein, wie bei einem Krampf oder einer Zuckung – es sei denn, es wäre Entspannung, Unterbrechung, Entäußerung gewesen.

 

Immer noch kein Sinn, kein Empfinden, aber unmerklich löst sich ein Körper aus sich selbst heraus. Er entschlüpft seiner eigenen Gegenwart, er zergliedert sich, er desartikuliert sich. Ein anderer artikuliert ihn ganz anders, lässt ihn eine neue Sprache, die so verändert ist, dass sie hinter jeder Sprache zurückfällt. Er weiß nicht, wie ihm gecshieht: Es kommt aus seinem Innern zu ihm, als wäre es das Entfernteste allen Außens.

 

Unmerklich scheint diesem Körper das: Er ist nicht länger EIN Körper in sich. Er nimmt Spielraum ein. Er nimmt Abstand. Er beginnt sich zu denken. Er tanzt sich, er wird von einem anderen getanzt.

Es muss sein, dass der Körper nicht weiß, wie es beginnt. Der andere ist es, dieser Körper, der nicht seiner ist, der sich nicht selbst gehört und nicht still halten kann, denn ein anderer – noch ein anderer – rückt unermüdlich an seine Stelle.

Er hält nicht, doch geht es gerade darum das Unhaltbare zu halten. Es gilt, die Distanz des anderen zu sich zu halten, von Körper zu Körper. Es gilt, die Plötzlichkeit dieses unvorhersehbaren Beginns zu halten.’